Der Hund muss an die frische Luft

Gassigehen. Bislang für ihn ein Fremdwort. Er besaß vier Katzen. Er liebte Katzen. Tür auf, Katze raus, Tür zu – Fall erledigt! Deswegen wollte er eigentlich keinen Hund. Jetzt hatte er einen. Gassigehen erschien ihm inzwischen wie ein bekanntes Gesellschaftsspiel: Ich gehe mit meinem Hund und packe in meinen Rucksack: eine kurze Hundeleine; eine lange Schleppleine; ein Regencape; einen Kühlumhang; Feuchttücher; eine Tüte mit Leckerlis; Hundespielzeug; einen Wasserspender; einen, nein, besser drei Kotbeutel; ein Handy (mit gespeicherter Nummer des Tierarztes und der Luftrettung); ein Fläschchen Jodtinktur für kleinere Bisswunden; einen Stauschlauch zum Abbinden abgetrennter Gliedmaßen und so weiter und so weiter. Was man als Hundehalter so braucht.

Er saß gerade bei seiner zweiten Tasse Kaffee. „Der Hund muss raus!“, rief Seniorfrauchen aus dem Bad. Beileibe keine einfache Feststellung, sondern die unkaschierte Aufforderung an ihn, sich gassifertig zu machen. „Ella hat schon vor über einer Stunde gefressen und war heute noch nicht draußen!“ – „Ja, und?“ – „Na, das ist so, wie wenn man bei einer vollbeladenen B-52 den Bombenschacht aufmacht. Da kann’s in jeder Sekunde losgehen. Und ich sage dir, die Luftmine willst du nicht hier im Haus haben!“

Wohlwissend, dass sie ihm in diesen Dingen über war, versuchte er dennoch einen rethorischen Befreiungsgriff: „Wann willst du gehen?“ Er wusste ihre Antwort bereits bevor er sie hörte: „Ich kann leider nicht, weil ich noch duschen muss. Und die Haare fönen. Und …“

Er hatte verstanden: die Reihe war an ihm! Morgenstund hat Kot im Hund! Wo denn die Leine sei? Da, wo sie immer sei, bekam er zur Antwort. Immer, ha! Der Hund war noch keine zwei Wochen im Haus und sie redete bereits von immer. Als er seinerzeit nachfragte, wie oft man denn mit einem Hund Gassi gehen müsse, hieß es zweimal am Tag. Normalerweise. Nun, wie sich herausstellte, besaß er keinen normalen Hund. Ella war eine Griechische Bracke. Das sind Jagdhunde, gezüchtet, um angeschossenes Wild aufzuspüren, Schweißhunde halt. Die brauchen mehr Auslauf, also vier- bis fünfmal täglich. Allerdings war Ella in Griechenland 24/7 im Freien und darum könnte er sein bisheriges Leben genauso gut gleich komplett nach draußen verlegen. Wann immer er seinen Hintern lüftete – sagen wir mal, um seinen Kühlschrank zu besuchen oder das Klo – stand Ella da und wollte raus.

Und so trottete er mehrmals am Tag hinter Ella her, den Arm lang ausgestreckt an der straff gespannten Leine. Ihm fiel ein, dass er drauf achten sollte, von Zeit zu Zeit den Leinenarm zu wechseln, sonst würde er vermutlich bald Jacken mit verschieden langen Ärmeln benötigen. Dennoch fand er, dass das  Spazierengehen hinter Ella auch etwas Meditatives hatte. Er blickte auf ihr sich gleichförmig bewegendes Hinterteil mit der hypnotisch wippenden Rute; die Welt entrückte immer mehr, er setzte seine Schritte wie in Trance und … trat in einen frischen Hundehaufen. Puh, wie das duftete! Wieder eine Lektion gelernt: Augen auf beim Hundelauf. Wie sagte er seiner Tochter stets? Es vergeht kein Tag, an dem man nicht etwas dazulernt.
– wird fortgesetzt –