Die ehrliche Gefährtin

Um es vorweg zu nehmen: Der Beziehungsstatus lautet weiterhin „glücklich verheiratet“ – „Größtenteils …“ (Einschränkung der Gattin)

Lügen war einfach nicht ihr Ding. Wirklich nicht. Sie sagte stets die Wahrheit. Leider! Er wusste das, schließlich lebten sie schon viele Jahre miteinander. Oder sollte man sagen: nebeneinander? Warum sie noch zusammen waren? Keine Ahnung!

Sie war weder witzig, noch besonders kommunikativ. Liebenswürdigkeiten oder gar verliebte Schmeicheleien waren ihr fremd und ohne uncharmant zu sein musste man wohl zugeben, dass sie nicht einmal besonders attraktiv war. Verlässlich war sie, ja, das konnte man ihr zugute halten.

Soweit seine Erinnerungen zurückreichten, war da eigentlich nie eine aus Zuneigung gewachsene Beziehung, geschweige denn eine von gegenseitiger animalischer Anziehung geprägte. Warum er sich trotzdem irgendwann einmal für das dauerhafte Zusammensein mit ihr entschieden hatte? Er wusste es nicht mehr. Vermutlich war sie ihm von wohlmeinenden Freunden aufgeschwatzt worden. Kennt man ja: Mich nervt meine, du brauchst auch so eine – missgünstiges Pack!

Inzwischen ertappte er sich dabei, dass ihm schon der Gedanke an ihre Anwesenheit, dass sie da war und jeden Morgen auf ihn lauerte, lästig war. Und ohne dass es ihm bewusst war, mied er inzwischen für seine Morgentoilette das gemeinsame Badezimmer und wich lieber auf das Gästeklo aus – nur, um die Begegnung mit ihr zu vermeiden! Die Nächte verbrachten sie sowieso seit jeher getrennt.

Tatsächlich wollte ihm kein vernünftiger Grund einfallen, warum sie immer noch dieselbe Wohnung miteinander teilten. Vermutlich ging es ihm da wie vielen Männern: man hatte sich aneinander gewöhnt, so wie an das eigene, unmerklich, aber dennoch stetig älter werdende Konterfei im Rasierspiegel – welchen er, wie er nebenbei beschloss, umgehend abhängen würde! Diesen geriatrischen Offenbarungseid wollte er sich zukünftig ersparen – Vollbart am Morgen verdeckt Falten und Sorgen!

Gut, ehrlicherweise musste er zugeben, dass er selbst wohl auch nie der ideale Partner für sie gewesen war. Meistens hatte er sie wochenlang nicht beachtet, geschweige denn, dass er mal ein nettes Wort an sie gerichtet hätte. Lag es also an ihm, dass sie sich irgendwann anderen Menschen zugewandt hatte? In dieser Beziehung tat sie sich leichter als er. Während er seinen Körper grundsätzlich nicht wahllos an andere ihrer Artgenossinen verschwendete, war sie – wie soll man es vorwurfsfrei formulieren? – nun, sie war in der Wahl der Menschen, die ihre „Dienste“ nach Belieben und jederzeit in Anspruch nehmen durften, gelinde gesagt völlig bedenkenlos. Mehr noch, sie war diesbezüglich ohne irgendwelche Vorbehalte und, dem Zeitgeist ungehemmter Selbstbestimmung sozusagen um Lichtjahre voraus, absolut genderfrei! Männlein, Weiblein oder divers – sie machte keinen Unterschied und behauptete lapidar, sie sei nun mal so „gebaut“ und außerdem hätte sie dabei noch nie etwas empfunden, was die Beziehung zu ihm gefährden würde.

Darum und trotz alledem wollte er ihr noch eine Chance geben. Schließlich, wer schmiss so viele gemeinsame Jahre einfach über Bord! Unsicher und zögerlich begab er sich zu ihr ins Badezimmer. Damit sie ungestört blieben, verriegelte er die Türe. Zur Aufhellung der nüchternen Stimmung versprühte er etwas Aroma-Öl und installierte ein paar Teelichter. Schließlich entkleidete er sich und drehte sich zu ihr um. Sie lag vor ihm und wartete.

„Okay“, räusperte er verlegen den Kloß aus seiner Kehle, „wir haben es schon recht lange nicht mehr miteinander getan – ich weiß nicht mehr so genau, wie das mit dir funktioniert!“ „Keine Angst“, antwortete sie gewohnt teilnahmslos, „komm einfach auf mich. Ich bin bereit.“ „Muss ich dich erst mit den Zehen stimulieren?“, fragte er zögerlich nach. „Wie lange sind wir jetzt zusammen?“, antwortete sie verhalten ungeduldig, „Dass du dir das einfach nicht merken kannst! Das Vor-die-Kiste-treten war die Macke von dieser ungeeichten Schönfärberin vor mir! Jetzt mach schon, dass wir es endlich hinter uns haben!“

Sekunden später war er wieder am Boden – in jeder Hinsicht. Nachdenklich und desillusioniert löschte er die Kerzen und zündete sich eine Zigarette an. Eigentlich war er seit 20 Jahren anonymer Nikotiniker, aber heute war eh schon alles wurscht. Der Rauch brannte in seiner Lunge und ihm tränten die Augen. Er beschloss, sein Leben ab sofort getrennt von Miss Söhnle zu führen, es zukünftig gewichtig, aber unbeschwert zu genießen – mit einem klaren Ja zu Schokolade und Schwarzwälder Kirsch, aber eben ohne Waage! Würde man zukünftig halt ein Korsett tragen. Hatte seine Oma ihrerzeit auch. Und Vollbart! Hatte seine Oma … äh, … das wohl doch nicht. Egal, der alle Überpfunde enthüllende Sommer war sowieso bald vorüber! Und im Winter würde er die michelinmännchenartigen Wülste eben mit ausreichend dimensionierten Glockenmänteln kaschieren – mit so dünnen, unwattierten. Aber das würde ja keiner wissen …