Nachtschicht

11 Uhr abends – nur Ella und Herrchen waren noch wach. Der Hund passt zu mir, dachte er. Während alle anderen bereits schliefen, hatte er wieder mal seine wache Phase. Er war halt ein Nachtmensch. Sein Hirn tickerte wie ein Fernschreiber und der Film, der im Fernseher lief, interessierte ihn nicht sonderlich. Er brauchte eine andere Ablenkung vom Nachdenken über Corona und wie es mit allem weitergehen sollte. Eigentlich könnte er mal das Büro aufräumen? Frauchen hatte es bereits mehrmals angemahnt. Na dann, entschied er kurzerhand – Fernseher aus und für eine knappe Stunde nach unten ins Büro. Entschlossen setzte er sich auf dem Sofa auf – wo war die Fernbedienung?

Ella lag, treu und faul, an seiner Seite und betrachte ihn mit verhaltener Spannung. Was kam jetzt? Herrchen machte immer so komische Spiele wie „Möbelverrücken“, wenn er was suchte. Irgendwas kam dabei immer zum Vorschein und Herrchen war glücklich. Er mochte das wohl und weil Ella Herrchen liebte, schob sie ihm immer was unter die große, rote Couch. Als Überraschung, sozusagen „Ostereiverstecken 365“. Wenn er nicht fand, was er suchte, stellte Herrchen sich genervt und betrieb Inquisition an der ganzen Familie: wohin wer denn mal wieder dieses oder jenes verschlampt hätte! Objekt seiner Begierde waren meistens die Fernbedienungen – worauf er jedes Mal die stereotype Antwort erhielt, er solle seine Glubscher aufmachen! Schließlich würde kein anderer es wagen „seine“ Fernbedienungen zu benutzen, außerdem könne die komplizierten Dinger sowieso nur er bedienen! Er hatte zwar versucht, der restlichen Familie beizubringen, welche Bewandtnis es mit den verschiedenen Geräten hatte – eine für den Fernseher, eine für die STB, eine für … – egal, offensichtlich tickten Frauen in technischen Dingen anders. Er hatte er seine Unterweisungsversuche schließlich aufgegeben und betätigte bei Bedarf die entsprechenden Schalter höchstpersönlich.

Zurück zu Ellas Versteckspiel – damit das mit der Zeit nicht langweilig wurde, sorgte sein Spür- und Fährtenhund für Abwechslung: mal fehlte ein Socken, mal eine Adilette, mal war es eine Schnur für diese merkwürdigen Dinger, in die Herrchen und Frauchen von Zeit zu Zeit hinein sprachen. All das verfrachtete Ella sorgsam unter das Sofa. Wenn Herrchen sie dann fragend ansah, schaute sie unbeteiligt zur Seite, als ginge sie das Ganze nichts an. Natürlich beobachtete sie ihn dabei aus den Augenwinkeln, auch jetzt. Erst suchte er erfolglos in dem Konglomerat aus Zeitungen, Tablets und Gläsern, das auf dem durchsichtigen Couchtisch lag. Keine Fernbedienung. Danach hob er alle Hemden und Hosen hoch, die verbotswidrig im Wohnzimmer herumlagen. Keine Fernbedienung. Auf dem roten Sessel, lässig über Lehne und Sitzfläche drapiert, lag zusammendreht eine gestrickte Kuscheldecke aus cremefarbener und brauner Wolle. Ella liebte diese Decke, musste sie aber meistens Opa Gerhard überlassen, wenn der zu Besuch da war. Heute Abend hatte er sie dort liegen lassen. Herrchen hob sie hoch. Keine Fernbedienung!

Fünf Minuten dauerte das Spielchen jetzt schon und allmählich wurde Ella ungeduldig. Außerdem tat ihr Herrchen auch ein bisschen leid. Sie beschloss, ihm zu helfen: kalt/warm/heiß auf hündisch mit Jaulen, Knurren und Schwanzwedeln. Herrchen suchte inzwischen zum zehnten Mal auf dem Esstisch. Warum der so hieß, war nicht ganz ersichtlich, meistenteils lag dort nicht essbares Zeug rum. Dieser zitternde Kauknochen mit den Krakenfüßchen zum Beispiel, mit dem Herrchen sich wohlig den Kopf massierte. Ungenießbar, wirklich ein „Pfui, lass das!“, wie Herrchen feststellte, als sie das Dingsda mal zerlegen wollte! Selbst schuld, wenn man aussieht wie ein Knochen – und dann noch nach Chinaplastik schmecken, igitt! Auf dem Esstisch lag die Fernbedienung jedenfalls nicht! Ella grunzte kehlig, was „kalt“ bedeuten sollte. Herrchen schaute sie kurz an. Mit einem gelangweilten „Mmmhaaa“ legte sie den Kopf auf ihre Pfoten. Herrchen ging rüber zum Sideboard, Keine Fernbedienung– mmmhaaa! Er drehte sich um. Ungläubig blickte er seine Hündin an.

Allmählich schien ihm was zu dämmern! Rüber zum anderen Sessel. Mmmhaaa! Ein Blick unter das dort liegende Buch: keine Fernbedienung, mmmhaaa. Vielleicht in der Küche? Zwei kurze Blicke genügten, erst zur Türe, dann zu Ella – mmmhaaa. Den Weg die Küche konnte er sich sparen, da also auch nicht. Ein Verdacht keimte in ihm auf: das Sofa! Runter auf alle Viere und rüber gerutscht. Ella erhob sich und wedelte: wärmer. Er legte den Kopf auf den Boden und stütze sich dabei auf seine rechte Schulter. Ella wedelte stärker und hechelte. Wärmer, Herrchen, wärmer! Mit seinem rechten Arm stocherte er unter dem Sofa herum – heiß! Endlich hatte er das Teil gefasst! Ella wiefte und tänzelte vor Freude wie toll! Brav gemacht, Herrchen. Zur Belohnung brachte sie ihm ihren Kauknochen. Den, der so herrlich intensiv nach Schweißfüßen duftete, wie Frauchen angewidert bemerkt hatte. Sie legte ihn direkt vor seiner Nase ab. Die Wirkung war atemberaubend! Er hielt die Luft an. Gleichzeitig versuchte er hektisch, die Hand mit der Fernbedienung hervorzuziehen. Er hing fest! Mit dem Schaltteil in der Hand bekam er seinen Arm nicht aus dem Spalt. Entweder ließ er das Kästchen los oder sein Arm blieb gefangen – beides zusammen ging nicht. Allmählich nahm sein Gesicht die Farbe einer Pflaume an. Es half nichts, unter Umgehung der Riechzellen japste er mit offenen Mund nach Luft. Schließlich, nach vielem Gerucke und Gezucke, hatte er das Teil glücklich draußen.

Nachdem der Fernseher verstummt war, ging er nach unten ins Büro. Das zwanglose Arrangement von Büromaterialien und Ordnern auf den Tischen, Stühlen, Sideboards und dem Boden überraschte ihn. Ella schreckte kurz zurück und blickte ihn an: „Ich war das aber nicht“, schien sie sagen zu wollen. Falls in Wikipedia im Eintrag „Chaos“ noch eine Illustration fehlte, dachte er erstaunt, ein Fotoupload des Büros hätte ausgereicht – ohne Text. Egal, er hatte seine Entscheidung getroffen und jetzt gab’s kein Zurück. Ella sah ihn zweifelnd an: morgen wäre doch auch noch ein Tag! Nein, entschied er, gekniffen würde jetzt nicht! Wo war der Staubsauger? Das Haus verfügte über einige Exemplare, wobei allerdings nicht klar war, welches von den vorhandenen einsatzfähig war. Wie beim Bund, dachte er, tausend Panzer, aber keiner läuft. Zudem war höchst ungewiss, in welcher Ecke des Hauses sich die Geräte gerade befanden. Er wusste, im Zimmer seiner Tochter waren drei, von denen zwei nicht verwendungsfähig waren: bei einem war der Beutel voll und kein Ersatzbeutel greifbar und der akkubetriebene hatte keinen Saft. Das zur Info bezüglich der ungewöhnlichen Konzentration an Reinigungsgeräten in ihrem Zimmer. Jedenfalls war es jetzt zu spät, um ins Gemach des schlafenden Teenagers einzudringen und das einsatzfähige dritte zu holen. Außerdem hatte er keine Lust darauf, wieder zwei Etagen hinauf zu steigen, vor allem nicht, wenn er dabei auch noch die Hündin im Schlepptau hätte.

Ihm fiel ein, dass er vor kurzem im an das Büro angrenzende Gästezimmer – während des immer noch andauernden Umbaus eine höchst willkommene Abstellkammer – ein Restexemplar gesehen hatte. Ein Blick ins besagte Zimmer verriet ihm, dass er den Aufwand unterschätzt hatte. Gottseidank erwies sich Ella als tauglicher Spür- und Bergehund für Staubsauger. In einer aufwändigen Aktion – es dauerte fast eine Viertelstunde, bis er einen Zugang freigelegt hatte – konnten sie mit vereinten Kräften den Müllvakuumierer schließlich bergen. Leider fehlten Saugrohr und Bürstenkopf. Er erinnerte sich, dass er in der Garage solche Teile gesehen hatte – Schwoba schmeißet halt nix weg, ha!

Also rasch Ersatz aus der Garage geholt und man hatte wieder einen funktionierenden Bürosauger! Endlich konnte er beginnen. Mit energischen Griff betätigte er den Anlassknopf – und verschwand in einer Wolke aus dunklem Staub! Von irgendwo her hörte er Ellas Winseln. Sehen konnte er sie durch den Feinstaub nicht. In Reutlingen würden sie jetzt alle Fahrspuren sperren, dachte er mit grimmigen Humor. Was um Himmels Willen …? Nachdem er den ersten Schreck überwunden hatte, schaltete er das Gerät aus und wartete, bis die Sicht wieder klar wurde. Ella war dunkelgrau gepudert. Um dich kümmere ich mich später, dachte er bei sich. Auch der sich langsam im Büro absetzende Schmutz musste erst einmal warten. Zunächst war der Staubsauger dran. Er öffnete das Gehäuse. Dort, wo sich der Staubsaugerbeutel befinden sollte, war nur ein Haufen eingesaugter Asche. Welcher Idiot saugt denn bitte schön … ?! Bevor er den stummen Fluch zu Ende denken konnte, erinnerte er sich, dass er vor einiger Zeit den Brennerraum der Pelletsheizung gereinigt hatte. Danach hatte er den Staubsauger reinigen – wollen, aber dann zunächst doch nur den Beutel entfernt. Kann man schon mal vergessen, oder?

Also dann doch von oben den Staubsauger aus dem Haushaltsraum geholt und erst einmal Ella abgesaugt. Dumme Idee das, Hunde mögen kein Staubsaugergeräusch – und das umso weniger, je näher man ihnen mit den Dingern kommt. Also ab mit der Hündin ins Badezimmer, damit sie den Dreck nicht durchs ganze Haus tragen konnte – was Ella umgehend mit anhaltendem Protestgebell quittierte. Ein nachgeworfener Kauknochen sorgte für kurzzeitige Ruhe. Zurück ins Büro und den Turbo-Teufel angeworfen. Der anschwellende Turbinenton erzeugte im Bad umgehend erneutes Geheule und Gebelle. Inzwischen war das Haus wach. Nacheinander erschienen ungläubig Tochter und Ehefrau, beide noch schlaftrunken, mit dazu passender Laune. Er schaltete den Sauger umgehend auf stumm. Der Hund brauchte dazu etwas länger. Bevor die Dame des Hauses fragen konnte, antworte er: „Beim letzten Ton des Saugers war es 23 Uhr und fünfundreißig Minuten.“ – „Genau! Gerade wollten wir fragen, ob du weißt, wie spät es ist – ab ins Bett! Und warum ist der Hund im Bad eingesperrt?“

Sekunden später wusste sie es. In ihrem Blick erkannte man deutliche Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit des Gatten: „Du machst jetzt bitte sofort den Hund sauber – und das vor allem leise! Und dann ab ins Bett – ich glaube, es hackt!“ – Zwei Minuten später saßen Hund und Herrchen in trauter Zweisamkeit in der Wanne und brausten sich den Staub aus dem Fell.. Anschließend teilte man sich einträchtig das einzig vorhandene Badehandtuch. Männer ticken eben anders! Wenn er schon mal bei der Körperpflege sei, dachte sich Herrchen, könnte er sich eigentlich gleich noch rasieren. Dann würde er Frauchen beim Tut-mir-leid-Kuss nicht so stupfeln. Sonst wäre gleich der nächste Anpfiff fällig. Er hatte den Rasierer gerade aus der Hand gelegt und sein glattgeschabtes Gesicht vom Restschaum befreit, da kam Ella zurück. Er hatte gar nicht bemerkt, dass die Hündin weg gewesen war. Pfeifend schlang er das Handtuch um seine Hüfte und wollte nach oben. Wo war denn jetzt wieder der eine Schlappen? Ella schaute irgendwie schelmisch – ja, die kann das!

„Sofa?“, fragte Herrchen. Die Bracke grinste. Warm!