Vereinzelt Niederschläge

Damit fing alles an: meine Geschichte erschien am 1. Juni 2012 im Reutlinger GEA – ich habe sie in der Zwischenzeit etwas aufpoliert:

Pfullingen, an einem sommerheißen Nachmittag

»PENG! – Die Tür ist zu! Ich stehe ohne Schlüssel draußen. Der liegt drinnen auf dem Tisch. Gerade hatte ich unseren neunjährigen blonden Engel (»Mannooo, es ist total heiß und mir ist sch***langweilig! Ich will nicht warten, bis Mama wiederkommt und mich hinbringt!«) im Freibad abgeliefert. Natürlich hat Papa wieder einmal nachgegeben und den Chauffeur gemacht. Nach meiner Rückkehr gehe ich ins Haus und lege die Schlüssel auf dem Sideboard ab. Ich will nochmal zum Auto und eile hinaus. Den Schlüssel lasse ich Schussel natürlich liegen. Aus den Augenwinkeln bemerke ich, wie die Haustür Fahrt aufnimmt und mit einem Knall heftig zuschlägt.

By the way – was wollte ich eigentlich hier draußen? Gott sei Dank steckt das iPhone in meiner Hosentasche! Heike geht gleich ran. Es klingt nach Freisprecheinrichtung:

»Wo bist du?«

»Hallo erst mal – in Orschel-Hagen.«

»Verdammt«, platze ich raus, »wenn man dich einmal braucht, bist du am anderen Ende der Welt! Typisch Frau! Sagen ‚Bin gleich wieder da‘ und dann wandern sie aus!«

»Geht’s bei dir noch?!« – »Ich habe mich ausgesperrt!« – »Ach nee, ich dachte, sowas passiert nur Kindern und Frauen?«, hämt es aus dem Hörer.

»Falls du gerade witzig sein willst, dann lass dir sagen, Ironie kommt bei mir momentan ganz schlecht an!« , bocke ich ungnädig zurück.

»Nimm doch den Schlüssel aus dem Geheimversteck!« – »Darauf bin ich schon selbst gekommen! Aber den hab ich vom letzten Mal noch nicht zurückgelegt!« – »Toll, wenn ‚Mann‘ mal was verbockt, dann aber gründlich – ich stecke hier im Verkehr fest! Vermutlich auch wieder wegen unkontrollierten männlichen Hormonausbrüchen am  Steuer!«

»Dann beweis mal, dass ‚frau‘ Auto fahren kann und gib Gas!«

»Klick!« – Aha, empfindlich auch noch … Grummel!

Oooch neee, da kommt ein Riesengewitter! Moment mal, Dina kommt doch gleich – die hat ja einen Schlüssel, juhu! Ach neee, so’n Schiet – ihren Schlüssel hat sie ja unserer Studentin in der Einliegerwohnung überlassen. Wir waren übers Wochende verreist und Jule sollte währenddessen unsere Katzenbrut betreuen. Eigentlich war der Plan, dass die Verbindungstür zur Studentenbude offen blieb. Eigentlich, aber unsere Tochter hatte die Türe bei einem letzten Kontrollrundgang wieder sorgsam verriegelt. So was von umsichtig! Und darum liegen jetzt die Schlüssel unerreichbar auf der Anrichte im Flur.

Neuer Geistesblitz: die Dachfenster sind doch nur runtergekippt! Da kommt man doch sicher rauf – mit einer langen Leiter! Ja, die in der Garage! Mist, bevor ich Flavia zum Freibad gebracht habe, hatte ich das Garagentor zugemacht. So was von umsichtig! Was nun? Nachbars Leiter! Natürlich erwische ich den einzigen Tag, an dem alle ausgeflogen sind. Noch ’ne Idee: ich baue mir eine Räuberleiter: das Regenfass ! Denkste, das ist aus Massivholz, voll bis oben und schwer wie ’ne halbe Kuh – grmblfixjuchhee! Also dann, kurzentschlossen die Mülltonne in die Ecke von Haus- und Garagenwand bugsiert. Wenigstens hat die Rollen. Aber wie komme ich da bloß rauf?

Ich reiße ein paar Betonplatten aus dem Gehweg und schichtete sie vor der Tonne auf. Ein Streifenwagen patrouilliert im Schritttempo an mir vorbei. Ich schaue beharrlich auf eine Stelle am Boden, beuge mich vor und kratze am Moos der Plastersteine. Meine Freunde und Helfer beachten mich nicht weiter. Offensichtlich fahndet man nach anderen Verdächtigen. Sie runden einmal die Wendeplatte und  rollen wieder ab. Mithilfe der Betonplatten und des Fenstersimses schaffe ich es schließlich, die Tonne zu erklettern. Mist, es fehlten 20 Zentimeter! »Typisch Mann!« würde Heike jetzt bemerken, »wenn’s drauf ankommt, fehlen Männern immer die entscheidenden Zentimeter!« Nach mehreren Versuchen gebe ich auf. Für diese Übung bin ich gefühlte 30 Jahre zu alt. Aber wenn man das Auto vor die Garage fahren würde, dann könnte man doch vom Autodach aus … ? Klar, mach mal, ohne Schlüssel!

Inzwischen hat mich das Gewitter erreicht. Es schüttet wie aus Kübeln! Damit ich schneller abtrockne, bläst dazu ein erfrischender Wind. Wie ich noch so vor mich hintropfe, erinnere ich mich, dass in Flavias Zimmer das Fenster offensteht – natürlich die Wetterseite und für mich im Moment unerreichbar. Hatte ich wegen der Hitze extra weit aufgemacht.  Mir fällt ein alter Spruch ein: »Deitschland, Deitschland, schennes Land, wo fließend Wasser kommt von Wand!« In dem Moment reißt eine Böe auch noch das Dachfenster vom Büro weit nach oben – wenn’s kommt, kommt’s dicke!

15 Minuten später öffnet mir die beste Autofahrerin von allen grußlos die Tür. Nachdem wir in einträchtigem Schweigen, aber immerhin gemeinsam, Flavias Zimmer und das Büro aufgewischt haben, suchen wir vergeblich nach dem »Geheimschlüssel«. – »Ist der wirklich nicht längst schon wieder in seinem Versteck?«, hakt Heike nochmals nach. Immer diese unbegründeten weiblichen Zweifel an ihren Ehemännern – sowas! Kann ich gerade überhaupt nicht ab! – »Dann hätte ich ihn doch wohl benutzt, oder – tsss!«

Heike geht und kommt kurz darauf zurück – mit dem Schlüssel und einem vernichtenden Blick, prall gefüllt mit Oberwasser. »Nee, das ist jetzt nicht wahr, oder?«, bringe ich nach kurzer Schockstarre tonlos heraus. – »Doch, isses!«

Es gibt eben Tage, da bist du einfach der Loser.