Verständigungsprobleme

Er war viel herumgekommen – in Deutschland und in der Welt. In Bayern hatte er gelernt, dass er ein Zuagroasta war, also kein Zugreisender, sondern ein Hinzu-Gereister, und dass die Feststellung „Die hod a Schnodern!“ nichts mit dem sprichwörtlichen Rotz an der Backe zu tun hat, sondern ein geschwätziges Weib bezeichnet. Dona-Letten waren nicht Angehörige eines baltischen Stammes, sondern nur schlichter Donauschlamm. Er erfuhr, dass Kölner betonen wollen, an welchem Gewässer ihre Stadt liegt, wenn sie mit einem kaum hörbaren G am Ende sagen „Kölle am Rhin(g)“. Und Blutwurst heißt nicht etwa „Blootwoosch“, sondern Flöns – mit einem Stich ins Ü.

Bei den Schwaben, wo er nun lebte, sagt man (wohl um den Mangel besonders zu betonen), ein bis an den Rand mit Luft befülltes Glas sei „voll leer“, und gelten Schwaben auch gemeinhin fälschlich als behäbig, so muss bei ihnen selbst das Nichtstun ohne Zeitverzug geschehen: „Wart au mol gschwend!“ Bei „Doschdich“ war er manchmal im Zweifel, ob der Betreffende gerade durstig war oder er den ähnlich klingenden Wochentag meinte. Manchmal ergab sich der Sinn aus dem Kontext. Sicherheitshalber hatte er stets etwas Trinkbares dabei, gerade donnerstags, falls jemand mal am Doschdich doschdich würde.

Bei den Italienern ging es ihm ähnlich, dort bedeutet „caldo“ sinnigerweise nicht kalt, sondern warm. Und in Griechenland meint man nicht, dass der Karli gerade nicht da sei, wenn man Kalinichta sagt. Besonders aber verwirrte ihn, das ein griechisches „Ne“ das Gegenteil, nämlich „Ja“ bedeutet! Da kenne sich noch einer aus! Griechische Frauen meinen Ja, wenn sie Ne sagen? Was für ein Sprachgewirr!

Aber wir schweifen ab – wenngleich nur, um zu verdeutlichen, dass er sich, egal wo und bei wem, immer und irgendwie zu verständigen wusste – mit Langenscheidt und bei Bedarf eben mit Händen und Füßen. Diesmal aber war sein Geschick auf Null gesetzt – er benötigte dringend einen Hundedolmetscher! Denn entweder verstand sein Hund ihn nicht oder er nicht seinen Hund. Seit fünf Minuten versuchte er vergeblich, Ella zum Gehen zu bewegen. Die steckte bis zum Hals in einem Erdloch. Jagdfieber hatte sie gepackt.

„Ella, komm!“ Sinnigerweise bedeutet Ella im Griechischen „komm“. Er liebte derlei Absurditäten und es amüsierte ihn, dass sein Kommando für Sprachkundige wie „Komm-komm“ klingen musste. Er könnte beliebig variieren und rufen „Komm, Ella!“ oder „Komm, komm“ – es bedeutete immer das Gleiche! Oder sogar Dasselbe? Er könnte sie auch vieldeutig „Ella, ella!“ rufen. Würden die großartigen France Gall und Ella Fitzgerald noch leben, wahrscheinlich würde eher die zwei Damen auf sein Kommando reagieren als seine Hündin. Ella, die Griechin, kam jedenfalls nicht!

Verzweifelt griff er zum Smartphone mit integriertem Gugeltränsläid. Azerbaidschanisch, Chichewa, Hmong – alles da, selbst Zulu und Hindu. Hündisch allerdings fehlte. Leider. Zumindest schlug die Suchmaschine ihm eine Hundetrainerin vor. Die rief er umgehend an. Nach Preisgabe seiner Kredikartennummer (für die Beratung per Telefon) schlug sie ihm die Lektüre ihres Buches vor. Die Verständigung war etwas mühsam, da der Hund der Trainerin ständig dazwischenbellte und sie ihn wiederholt und energisch zur Ordnung rufen musste. „AUS, ROLLO! PFUI! NEIN!“ Sie war hörbar gestresst und meinte schließlich, man könne sich ja über SMS weiter austauschen. Jedenfalls schickte sie ihm den Link zu ihrem Buch „Entspannter Umgang mit Problemhunden“, welches er umgehend online (also noch an der Leine) als kostengünstiges Ebook für 20 Euro erstand. Der Download dauerte zwar 30 Minuten (auf dem Acker gab’s nur Edge), aber dann konnte er nachlesen, dass Hunde Menschensprachen nicht verstehen würden. Keine einzige. Das hatte er auch schon bemerkt. Ohne Buch. Wenigstens störte Ella ihn nicht beim Lesen. Mäuse, Ratten oder was auch immer waren ihr jetzt wichtiger. Geduldig stand er neben dem grabenden Hund und las.

Gerade war er an der Stelle „Erste Kommandos und wie man sie durchsetzt“, da klingelte Frauchen. Er drückte auf das Lautsprechersymbol. Ihre Frage „Wo seid ihr?“ konnte er noch so gerade eben vernehmen, doch bevor er antworten konnte – lag es nun an Frauchens Stimme oder reizte die Hündin der Klingelton –, jedenfalls sprang Ella ihm an die Hand, das Handy stieg in die Luft und verschwand nach einem perfekten und fast schon ästhetisch anmutenden Parabelflug in besagtem Erdloch. „Hallo“, drang Frauchens Stimme schwach nach oben, „ich höre dich nicht. Steckst du in einem Funkloch?“ – „Kann man so sagen“, schrie er in Richtung Erdspalte zurück. – „Geh bitte näher ans Mikro! Du bist fast nicht zu verstehen.“ Gehorsam ließ er sich in den Liegestütz fallen. Neben ihm drückte Ella ihre Nase noch energischer in das Loch und fiepte ausgelassen vor Freude. Frauchen, Frauchen war da unten! Warte, ich komme! Ella war jetzt in ihrem Element. Grasbatzen und Dreck flogen nur so durch die Gegend. „Sag mal, ist bei euch ein Bagger am Werk? Ich höre nur Gescharre und Ellas Gejaule. Seid bitte in 10 Minuten beim Tierarzt. Ich lege jetzt auf!“

Mist, den Termin hätte er glatt verschwitzt. Er kratzte das Handy aus dem Loch und betrachtete Ella. Die Hündin sah aus wie aus Lehm und ähnelte stark den Knet-Tieren, die seine Tochter vor Jahren im Kindergarten gebastelt hatte. Ohne Rücksicht auf Ella und seine Kleidung wusch er die Hündin in der nächstgelegenen Pfütze. Glücklicherweise hatte es in der Nacht zuvor ausgiebig geregnet. Schmutzstarrend, dafür aber mit sauberem Hund öffnete er zehn Minuten später pünktlich die Praxistür. Der Warteraum war glücklicherweise menschenleer. Matthias, der Tierarzt, kam gerade aus dem Behandlungsraum.

„Wie siehst du denn aus? Wird euer Bad gerade renoviert? Nimm dir mal ein Beispiel an deinem Hund!“ – „Rede du mir nicht von schlampiger Morgentoilette – bist selber scheiße rasiert!“, flapste Herrchen unbekümmert retour. Der Doc grinste breit durch seinen Dreitagebart. Man mochte sich. Selbst Ella schien sich zu amüsieren und zeigte gut gelaunt ihre Zähne. „Na, dann kommt mal rein in die gute Stube“, forderte der Tierarzt beide auf. „Du, mein Lieber, fasst bitte nichts an. Und bewege dich nicht, du bröckelst schon!“ Er hob Ella auf den Untersuchungstisch und sagte: „Und du zeigst mir mal, wie brav du bist!“

Als wäre da nie ein missachtetes Kommando gewesen, folgte Ella mustergültig aufs Wort. Still wie eine griechische Statue stand sie auf dem Behandlungstisch, war folgsam und zeigte sich überhaupt von ihrer besten Seite. Geduldig ließ sie sich in Maul und Ohren schauen und auch den Rest der Untersuchungen ließ sie in stoischer Gelassenheit über sich ergehen.

„So ein guterzogenes und freundliches Tier sieht man selten – wie lange, sagtest du, ist Ella jetzt bei euch? Erst 10 Tage? Unglaublich!“

Artig verabschiedete sich Ella beim Doc und der Helferin. Gerührt und mit Stolz geschwellter Brust verließ Herrchen mit seinem Hund die Praxis – nass und verdreckt, aber glücklich. Ella sah ihn mit klugen Augen an: „Wir verstehen uns, Kumpel“, schien ihr Blick zu sagen. Er zwinkerte zurück.