Zeitumstellung

Kurz vor drei, am letzten Sonntag im Oktober

Mitten in der Nacht – an der Tür klingelte es Sturm! Nur widerwillig registrierte das Gehirn den schrillen Ton, der sich beharrlich durch seinen Tiefschlaf bohrte. Langsam tauchte er aus traumloser Betäubtheit auf wie aus einem zähen Sumpf

Wo war er? Und warum hörte dieses verdammte Klingeln in seinen Ohren nicht auf? Promille-Tinnitus? Nein, dazu klang der Ton zu vertraut nach seiner Türglocke. Bleischwer lag er bäuchlings auf seiner Hälfte des Betts. Um ihn herum zerwuselte Kleidungsstücke. Etwas Plüschiges steckte ihm zwischen den Zähnen. Kaute sich wie Tamponade. Befand er sich etwa beim Zahnklempner und erwachte gerade aus der Narkose?

Langsam und heftig schwankend kam er hoch. Sein Innenohr kämpfte um die Wiedererlangung des Gleichgewichts. Um Herrenabende sollte er in Zukunft einen Bogen machen. Er musste dringend zur Tür und diesem unsäglichen Gebimmel ein Ende bereiten. Vorher sollte er aber was anziehen. Er war nackt. Der Pyjama lag unbenutzt auf dem Boden. Den hatte seine bessere Hälfte vor ihrem Kurztrip noch für ihn zurecht gelegt. Beharrlich insistierte er darauf, mit beiden Beinen in dieselbe Hosenröhre zu steigen. Wegen des starken Seegangs kein leichtes Unterfangen. Nach einigen Fehlversuchen ließ er davon ab. War sowieso das Oberteil. Schließlich fand er in dem ganzen Kuddelmuddel irgendeinen Kittel. Mit ungelenken Bewegungen streifte er den Morgenmantel seiner Frau über, der ihm grob geschätzt vier Konfektionsgrößen zu klein war. Wird nicht leicht sein, morgen die geplatzten Nähte des Lieblingsstücks zu erklären. Schwankend ertastete er mit beiden Händen die Flurwände entlang den Weg zur Haustüre und öffnete sie.

»Moggäään!« UPS! In der Nachtschwärze blendete ihn ein reinweißes Gebiss, so grell wie ein LED-Strahler. Draußen standen 120 Kilo dunkelhäutige Munterkeit in Uniform. Mit gezücktem Barcodescanner in der linken Hand. Die andere klebt weiter auf dem Klingelknopf.

»Famma«, brachte er eigentümlich nuschelnd hervor, »haffu Padeff amme Fimma?« Der Uniformierte blickte ihn interessiert, aber verständnislos an. Er sollte wohl erst mal die Socke entfernen, die ihm von seinem Mund herab baumelte. Mit einem beherzten Ruck riss er sie weg – Aaaaarrrrgggg! Der scharfe Schmerz machte ihn endgültig wach. Seine Empörung Klang nun umso authentischer: »Sag mal, hast du Pattex an den Fingern? Nimm endlich deinen Daumen von meiner Klingel. Weißt du eigentlich, wie spät es ist?«, pampte er orientierungslos in die Dunkelheit.

»Klar, swei Minuhdä vor drei Uhr!«, antwortet der Nachtbote bereitwillig. »Verbindlichsten Dank für die Auskunft! Darf ich jetzt weiterschlafen?« Er wollte die Türe schließen, aber es steckt ein Fuß im Rahmen. Offensichtlich war Hermes im Umgang mit störrischen Kunden geschult. »Halt! Musse doch noch Sch-dundä abgebbe für … was für Namme? Wie man sch-bräsche dahs?« Dabei hielt er ihm irgendein Papier unter die Nase. Seine Brille lag wer weiß wo im Haus. Erst nach mehreren Anläufen und mit wiederholtem Blinzeln und Augenreiben entzifferte er mühsam seinen Namen. Genervt las er ihn seinem Gegenüber vor.

»Wie?«, fragte der umgehend nach. Laut und herzhaft gähnte er seinen Namen nochmals vor und reiche den Wisch zurück. »Wie? Bidde nomalla!« Gottseidank kannte er seinen Namen auswendig. Unwillig buchstabierte er ihn Letter für Letter. »Und du wer?«, wollte sein Gegenüber jetzt erfahren. »Wer ich bin? Ich bin ein Nachtschläfer, aber dank dir bin ich jetzt ein Erweckter!«  Mal sehen, wie sein Gegenüber mit Ironie klar kam.

»Egal, wenn der Typ niggese da, isch gebbe dir. Du hier undaschreibe.« Offensichtlich besaß der Zeitbote keine Rezeptoren für sublimen Humor. Verständlich, um die Uhrzeit! »Na, gib schon her, damit endlich wieder Ruhe ist! Nacht!« Schlurfend tastete er sich zurück ins Schlafzimmer und ließ sich kopfüber aufs Bett fallen. Einschlafen konnte jedoch nicht mehr – war ja klar! Weil ihm nichts Besseres einfiel, pflegte er die Stunde in seinen Wecker ein. – – –

RING — RING — RIIIIIIING!!!

Er schreckte wieder von seinem Kissen hoch. Mit verquollenen Äuglein versuchte er, die Leuchtziffern auf dem Wecker zu erkennen. Hä? Schon wieder drei Uhr? Ach ja, diese beknackte Zeitgutschrift! Hundemüde ließ er sich aus dem Bett plumpsen, zog sich am Stummen Diener hoch und schlurfte schicksalsergeben und vornübergebeugt zur Haustür. Gut, dass er Morgenmantel und Pantoffeln noch nicht ausgezogen hatte.

»Moggäään!« Oh Herr, bitte nicht schon wieder dieser hartnäckige Irre von der Zeitagentur! Und natürlich hatte er seinen Fuß wieder im Türspalt.

»Sag mal, Kollege, was stimmt mit dir nicht? Hast du kein Zuhause? Kannst du nicht schlafen oder warum raffst du nicht, dass ich nachts MEINE RUHE HABEN WILL!?«

»Musse noch Sch-dundä für Nachbarre abgebbe, abba seit eine Sch-dundä nigesse mache auf. Du nehme Sch-dundä für gute Nachbarre, okay?«

Nur mit Mühe gelang es ihm, die Contenance zu bewahren. Eigentlich wollte er jetzt irgendjemandem an den Kragen. »Alter, jetzt mal ganz prinzipiell: Was du zukünftig mit dieser „Sch-dundä“ machst, ist mir völlig piepenhagen, und zwar so was von! Wenn du mich aber noch einmal mitten in der Nacht aus meiner Heia klingelst, dann ziehe ich dir deine Testikel auf links! Ist das angekommen? So, hier hast du zehn Tacken für den Schreck. Mach dir ’ne schöne Nacht damit und lass mich endlich schlafen!« Nach dieser Drohung blieb er von weiteren Störungen verschont und schlief tief und fest – – 

Das anregende Aroma frisch gebrühten Kaffees erfüllte das Schlafzimmer und kitzelte seine Nase. Ein schnelles Blinzeln bestätigte ihm, dass es sich nicht um eine postdelirische Halluzinaton handelte. Auf dem Nachttisch stand tatsächlich ein dampfender, verführerisch duftender Espresso – ein echter Lebensretter!

»Sag mal, Schatz«, wollte das Koffeingetränk jetzt wissen, »willst du heute gar nicht mehr aufwachen?« Dabei imitierte es perfekt der Gattin Tonfall. Seit wann konnte Kaffee … schlagartig war er wach! Mist, Frau und Tochter waren zurück von ihrem Weekendausflug. War es tatsächlich schon so spät? Und er flackte noch im Bett!

»Wir sind schon seit Stunden wieder hier, aber du warst einfach nicht wach zu bekommen. Wir haben geklingelt und geklingelt und hatten uns schon Sorgen um dich gemacht. Ich hatte doch nur den Autoschlüssel dabei. Gottseidank war der Reserveschlüssel bei der Nachbarin.« Ihre Stimme klang tatsächlich besorgt. Vermutlich hatten deswegen ihre nächsten Sätze einen nur gemäßigt vorwurfsvoll klingenden Unterton: »Du lagst hier in diesem unbeschreiblichen Chaos und hast gebrabbelt, dass ich meinen Hintern aus der Reichweite deiner Füße bringen solle und du nicht bereit seiest, irgendwelche Stunden für fremde Leute anzunehmen!?«

Er versuchte ihr zu erklären, was ihm in der Nacht widerfahren sei, aber ihrem Gesichtsausdruck war deutlich anzusehen, dass sie sowohl seine Geschichte als auch seinen Geisteszustand anzweifelte: »Trink jetzt deinen Kaffee und dann komm in die Puschen. Du musst im Haus noch alle Uhren umstellen, schließlich bist du der Techniker! Und ziehe bitte meinen Morgenmantel aus. Über einen neuen sprechen wir später!«

Von mir aus, so dachte er, kann sich die Welt diese Stunde irgendwohin stecken – er brauchte das wirklich nicht! Allerseits viel Spaß beim Uhrenstellen!